Ilja Braun


}
Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
EN NL DE

Ilja Braun

Ilja Braun studierte Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Erlangen, Glasgow und Berlin. Er übersetzt aus dem Niederländischen und Englischen unter anderem Stefan Brijs, Tess Franke und Toine Heijmans.

Lesen Sie auch

Fikry El Azzouzi 1978, Sint-Niklaas. Schriftsteller. Kolumnist. Theatermacher.

Übersetzte Bücher

Ilja Braun über den ersten Satz von Fikry El Azzouzis „Wir da draußen"

"Er zijn van die dagen dat hij mij als een vuilniszak buitenzet"

Wörtlich: "Es gibt Tage, da stellt er mich wie einen Müllsack raus"

Es sind im Grunde Banalitäten, an denen man oft hängenbleibt, wenn man einen Roman übersetzt. Kulturelle Unterschiede, das klingt immer gleich so bedeutend, nach spannenden Entdeckungen in der Fremde, nach Herausforderungen: Wie übersetzt man etwas, das es im eigenen Land und/oder der eigenen Sprache vielleicht gar nicht gibt? In der Praxis läuft es dann aber oft auf so banale Dinge wie Müllsäcke hinaus. Die in Belgien nämlich auf die Straße gestellt werden. Anders als in Deutschland, wo man sie schön ordentlich in einer Mülltonne zu deponieren hat. Oder in drei verschiedenen Mülltonnen, um genau zu sein, denn schließlich werden Bio, Plastik, und Restmüll getrennt gesammelt. Deutsche Gründlichkeit.

Darüber kann man natürlich witzeln, aber Müllsäcke einfach draußen auf die Straße zu stellen, wie in Belgien üblich, ist, ehrlich gesagt, auch keine Alternative. Zumindest nicht für jemanden, der das deutsche System gewohnt ist. Denn im Sommer fangen diese Säcke doch bestimmt an zu stinken, oder sie reißen, und der Müll verteilt sich auf der Straße. Kulturelle Unterschiede? Gut zu wissen. Ich persönlich finde es trotzdem eklig.

Kulturelle Unterschiede
Das ist für die Übersetzung natürlich nicht ausschlaggebend. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass andere deutsche Leser die Sache genauso sehen. Falls sie überhaupt wissen, dass man Müllsäcke in Belgien einfach auf die Straße stellt. Und beides zusammen, also ein Mentalitätsunterschied in Kombination mit Unkenntnis bestimmter Alltagsgebräuche, macht die Übersetzung dieses ersten Satzes dann doch etwas schwierig. Vielleicht versteht der Leser den Vergleich auf Anhieb gar nicht: auf die Straße wie – einen Müllsack? Bäh!

Nur dass kein Missverständnis aufkommt: Ich finde nicht, dass man bei einer Übersetzung alles erklären muss. Oder gar alles so weit anpassen, dass man über nichts mehr stolpert. Wenn man es nicht erträgt, in einem Roman aus einem anderen Land auf Dinge zu stoßen, die anders sind als zu Hause, dann sollte man sich lieber gleich auf die Bücher einheimischer Autoren beschränken. Andererseits ist der allererste Satz in einem Roman natürlich nicht ohne. Mit ihm wird die Grundatmosphäre geschaffen, er stellt die Hauptfigur vor, oder er zieht den Leser in die Handlung hinein.

Eine feindselige Umgebung
Dabei sollte man möglichst nicht abgelenkt sein, indem man über Müllsäcke nachdenkt. Denn schließlich geht es dem Autor gar nicht um den Müllsack, das ist nur ein Vergleich. Es geht ihm darum, dass der Erzähler, ein junger Belgier marokkanischer Abstammung, regelmäßig von seinem Vater zu Hause rausgeworfen wird. Dass er sich schlecht behandelt fühlt, treated like shit, und zwar nicht nur von seinem Vater, sondern von der Gesellschaft insgesamt.

Und das wiederum ist wichtig für den gesamten Roman. Er handelt von Jugendlichen mit marokkanischem Hintergrund, die in einer belgischen Kleinstadt aufwachsen, wo man ihnen rundheraus feindselig begegnet. Das lässt sich natürlich nicht alles schon im ersten Satz erzählen. Aber es schadet auch nicht, wenn es schon mal anklingt.

„Es gibt Tage, da stellt er mich wie einen Müllsack raus." Wäre der Satz irgendwo in der Mitte des Romans aufgetaucht, hätte ich ihn wahrscheinlich wörtlich stehen lassen. Vielleicht hätte ich ihn auch unauffällig abgeändert, etwa „Es gibt Tage, da wirft er mich auf die Straße raus wie einen Müllsack, der am nächsten Tag abgeholt wird.“ Aber für den allerersten Satz kam mir diese Lösung dann doch nicht optimal vor. Schließlich entschied ich mich für:

 "Es gibt Tage, da wirft er mich raus auf die Straße wie Sperrmüll"

Sperrmüll weckt natürlich eine andere Assoziation als normaler Müll. Aber er wird zumindest auf die Straße gestellt und am nächsten Tag abgeholt, auch in Deutschland. Die Gefahr, dass der Leser darüber stolpert, ist also etwas kleiner. Insofern finde ich es vertretbar, hier ein bisschen in den Text einzugreifen. Und ich bin gespannt, was der Lektor dazu sagen wird, den ich natürlich darauf hingewiesen habe.

(Den Autor habe ich übrigens nicht vorher gefragt. Autoren werden bei solchen Fragen immer nur verlegen oder misstrauisch, habe ich gemerkt. Und letztlich können sie die Wirkung in der Zielsprache ohnehin nicht so gut einschätzen.)

Übrigens tauchen diese belgischen Müllsäcke später in dem Roman noch einmal auf. Eine der Figuren sagt, dass sie immer teurer werden, obwohl sie immer leichter reißen. Na, was hab ich gesagt? Das mit den Säcken auf der Straße ist einfach nichts.