Poesie: In unsren Träumen laufen wir auf Stelzen

Poesie aus Flandern und den Niederlanden

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Frankfurter Buchmesse
Ehrengast 2016
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Poesie: In unsren Träumen laufen wir auf Stelzen

„In unsren Träumen laufen wir auf Stelzen“. Poesie aus Flandern und den Niederlanden
Von Stefan Wieczorek

Niederländischsprachige Poesie ist in deutscher Übersetzung so präsent wie seit etlichen Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr. Vordergründig mag dies mit dem Ehrengastauftritt Flanderns und der Niederlande auf der Frankfurter Buchmesse 2016 und der damit verbundenen verstärkten Aufmerksamkeit zu tun haben. Die Resonanz, auf die die Lyrik aus Flandern und den Niederlanden bei den Verlagen, in den einschlägigen Zeitschriften und nicht zuletzt auf den Poesiefestivals trifft, zeigt an, dass es hier etwas Besonderes zu entdecken gibt: originäre Autorinnen und Autoren, aber auch eine Lyriklandschaft, in der Dichtung explizit den Weg in eine breitere Öffentlichkeit gesucht und gefunden hat.

Lyrik und Öffentlichkeit. Neue Wege
Der aus Flandern stammende Literaturwissenschaftler und Dichter Geert Buelens fasst die all-gemeine Situation von Poesie zu Beginn des 21. Jahrhunderts so zusammen: „Poesie ist ein orales und digitales Medium geworden. Kultur wird reoralisiert: Youtube ist zu einer literarischen Institution geworden! Das schafft ungeahnte Möglichkeiten. Die Poesie verbindet sich mit dem Internet, den sozialen Medien und den visuellen Technologien.“ Das ist eine treffende Situationsbeschreibung, die aber um das Spezifische, Charakteristische der niederländisch-sprachigen Lyriklandschaft erweitert werden muss. Möglicherweise springt dies erst durch den Blick von außen unmittelbar ins Auge: Für die niederländischsprachige Lyrik sind gegenwärtig weniger poetologische Programme prägend als ein allgemeiner Funktionswandel, der Dichtung als Kommunikationsmedium mehr in die Öffentlichkeit gerückt hat als es im deutsch-sprachigen Raum der Fall ist. Und damit ist nicht in erster Linie eine digitale Öffentlichkeit gemeint, sondern eine urbane, mediale und lokale Präsenz, häufig auch Face-to-Face zwischen Dichter und Publikum. Oralität und Performativität spielen in der Präsentation und Rezeption von Poesie in Flandern und den Niederlanden eine zunehmend wichtige Rolle, allerdings ohne eine Verdrängung des gedruckten Gedichtbandes.
Diese Öffentlichkeit hat sich nicht von selbst eingestellt. Sie wuchs durch eine Vielzahl von zumeist institutionalisierten Events und Leuchtturmprojekten heran. Zahlreiche Städte in Flandern und den Niederlanden haben mittlerweile so genannte Stadtdichterschaften ins Leben gerufen, die städtische, lokale Identität und Poesie verknüpfen. Die Stadtdichterschaften werden vor Ort unterschiedlich ausgestaltet, die Stadtdichter werden gewählt oder bestimmt und haben meist als Kernaufgabe, ähnlich wie ein Chronist, das öffentliche Leben zu begleiten und im Allgemeinen der Poesie zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Das bedeutet aber nicht nur, Öffentlichkeit für Gedichte und Autoren zu schaffen, sondern auch durch die Praxis zu reflektieren, welche gesellschaftlichen Funktionen Poesie für die Stadt erfüllen kann. Gedichte entwickeln sich zu einem Medium, um aktuelle gesellschaftliche Prozesse zu thematisieren und zu reflektieren, es entsteht eine neue Art des Gelegenheitsgedichts. Auf nationaler Ebene gibt es in Belgien und den Niederlanden überdies je einen amtierenden „Dichter des Vaterlands“. Institutionen, Universitäten und Vereine haben gelegentlich Hausdichter, die für einen bestimmten Zeitraum die Aktivitäten der Einrichtungen begleiten. (Dies ist ein grundlegend anderes Konzept als Aufenthaltsstipendien oder Städteschreiber, es geht vielmehr um eine Art Amt in der Öffentlichkeit als Chronist und „Poesie-Botschafter“.) Gleichzeitig sind Gedichte im öffentlichen Raum, in der Architektur mehr und mehr präsent. Überhaupt werden Dichter regelmäßig gebeten, Gedichte für besondere Gelegenheiten des öffentlichen Lebens zu schreiben, beispielsweise für Tageszeitungen. Sogar einige Fernsehprogramme haben Hausdichter eingeführt.
Seit mehreren Jahren organisieren einige Poesie-Institutionen in Flandern und den Niederlanden jährlich die so genannte Woche des Gedichts (Poëzieweek) – in dieser Woche kon-zentrieren sich eine Vielzahl von Aktivitäten und Veranstaltungen, einhergehend mit einem großen Medieninteresse. Jedes Jahr wird ein Dichter eingeladen, ein spezielles Poesie-Geschenk zu schreiben, das in den Buchhandlungen in Flandern und den Niederlanden kostenlos beim Kauf eines Lyrik-Bandes o.ä. erhältlich ist. Parallel dazu finden hunderte Lesungen und Lesereisen statt. Mehrere große Poesiepreise werden in dieser Woche vergeben, die nieder-ländische Meisterschaft im Poetry Slam wird durchgeführt, und die Szene trifft sich beim Poesie-Ball (Gedichtenbal). Möglich wird das erst durch professionelle Akteure und ein Netz von Poesie-Institutionen sowie eine breite Landschaft von Festivals und Auftrittsmöglichkeiten.

Dichter des 21. Jahrhunderts. Neue Stimmen
Der Sammelband „Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden“, den Christoph Wenzel und ich gemeinsam herausgegeben haben, präsentiert zweisprachig 21 Dichterinnen und Dichter der Jahrgänge 1973 bis 1988. „Polder sind typische Landschaften von Flandern und den Niederlanden, den 'Lage Landen'. Polder sind neues Land, das dem Meer abgerungen wurde, und Polderpoesie ist Lyrik, die Neuland schafft.“ Die Beiträgerinnen und Beiträger debütierten zum großen Teil im 21. Jahrhundert, ihre Generation durchlebt und gestaltet den skizzierten Funktionswandel der Poesie am deutlichsten. Vertreten sind Jan-Willem Anker, Maria Barnas, Tsead Bruinja, Anne Büdgen, Yannick Dangre, Ellen Deckwitz, Annemarie Estor, Andy Fierens, Maarten Inghels, Ruth Lasters, Delphine Lecompte, Thomas Möhlmann, Els Moors, Ramsey Nasr,  Ester Naomi Perquin, Alfred Schaffer, Mustafa Stitou, Max Temmerman, Vrouwkje Tuinman, Maud Vanhauwaert und Tom Van de Voorde. Die Beobachtung, dass Poesie in Flandern und den Niederlanden populärer als in unserem Sprachraum ist, könnte auch schnell in ein Klagen über leichtgewichtige Populärpoesie etc. umschlagen. Zweifelsohne verändert sich Literatur, wenn sich der literarische Diskurs öffnet und anderen Medienbedingungen und Kontexten anpasst. Dichtung, die auf Lesebühnen aufgeführt wird, muss sich in dieser Situation medial behaupten. Gedichte, die in den öffentlichen Raum integriert sind, haben eine unmittelbare kommunikative Funktion. Die hier vorgestellten Dichter zeigen in erfreulicher Weise, dass die Kehrseite des geschilderten Trends keine Verengung auf anekdotische oder pointenlastige Gedichte sein muss. Vielmehr tritt eine literarische Generation auf, deren Werke originär und vielfältig sind. Von zwei Autoren dieser Generation erscheinen 2016 auch Einzelbände, von Els Moors und Andy Fierens, beide Dichter aus Flandern.
Els Moors Gedichte haben etwas ungemein Erfrischendes und Lebendiges“ konstatiert Martin Grzimek im SWR2 anlässlich des Bandes „Lieder vom Pferd über Bord“ und ihrer szenischen, häufig erotischen Texte: „es liegt eine Frau auf dem Bett / ist scheinbar reingefallen / schau an, ein Affe, denk mal drüber nach, / sitzt auf ihrem Bauch, und seines Denkens / Schatten wandert zwischen / ihre Beine.“ Diese Gedichte reißen „uns aus dem Gleichmaß der Wahrnehmung in die in uns zurückbleibenden Bildausschnitte, die uns dann in rätselhaften Träumen wiederbegegnen“ (M. Grzimek). Els Moors (geb. 1976) hat auch an mehreren Übersetzungswerkstätten in Deutschland teilgenommen, u.a. an „Poesie der Nachbarn“ und VERSSchmuggel.
Andy Fierens, ebenfalls 1976 geboren, ist ein Dichter und Performer, „der seine Gedichte auf der Bühne lautstark auslebt, dabei aber weniger mit Poetry-Slam zu tun hat als mit Popkultur, Punk und sehr viel literarischer Tradition. Verse, die den Status von Aphorismen des neuen Jahrhunderts haben können, treffen auf Underground-Elemente wie Gewaltsequenzen, Sex und Alkohol – immer mit sehr viel Sprachfreude, Wortwitz und absurder Weisheit.“ (S. Wieczorek, Literatur und Kritik, 2014). Diese Charakterisierung gilt auch noch für seinen jüngst erschienen Band „Gambaviecher in fetter Tunke“ – „ manchmal bin ich / so glücklich / wie ein deutscher / der in der gosse / einen sack / voller umlaute / gefunden hat // aber / meistens / nicht“.
Mit Rodaan Al Galidi kommt ein Autor zu Wort, der in den Niederlanden mit einem Roman über seine Jahre in Flüchtlingsheimen gerade für Aufsehen sorgt. Rodaan Al Galidi wurde vermutlich 1971 im Irak geboren, weder Geburtstag noch -jahr wurden damals festgehalten. Ende der 1990er Jahre floh er in die Niederlande. Er schreibt auf Niederländisch. In seinem Band „Kühlschranklicht“ trifft Existentielles auf Biographi-sches, stets begleitet von Zeit- und Gesellschaftskritik. Manche seiner zyklischen Texte tragen Züge eines Canto, andere wiederum sind knapp und tief ironisch: „Spatz, bring mir bei zu fliegen, / ich zeige dir wie man Gedichte schreibt. / Bring mir bei ein Nest zu bauen, / ich zeige dir wie man einen Verlag findet. / Gib mir deine Federn, / ich gebe dir meine Jacke. / Gib mir deine Angst, /ich gebe dir meine Katze. / Gib mir deinen Zweig, / ich gebe dir mein Schlafzimmer. / Spatz, gib mir dein Leben, / ich gebe dir meinen Käfig.“
Der Band „Im Sommer stinken alle Städte“ erlaubt endlich auch einen Einblick in das unverwechselbare und hochgepriesene Werk von Menno Wigman (geb. 1966). Wigman, ehemaliger Stadtdichter von Amsterdam, der auch Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler und Thomas Bernhard übersetzte, arbeitet u.a. mit alternierenden Rhythmen, Assonanzen und verschiedenen Reimformen, rekurriert auf (Neo-)Romantik und Moderne. Häufig um ein Unbehaustsein in der Welt zum Ausdruck zu bringen, wie in „Kaspar Hauser“: „Und jetzt ist Kaspar tot. / Und wir, wir lebten ihn, beschrieben ihn in glühendem / Deutsch, das nichts durchschaute. // Zerbrich alle Federn. Walk jeden Letter durch. / Keine Sprache spendet Trost, / kein Wort wird rot bei Kaspar und seinem Hundetod.“
Eine größere und zunehmend außerliterarische Öffentlichkeit stellt Poesie auch vor neue Herausforderungen. Die Prämisse, die damit einhergeht, dass Dichtung nicht nur ein ästhetische, sondern auch ein kommunikatives, performatives, politisches, soziales Ereignis ist, verändert buchstäblich den Ort der Poesie. In Groningen entstand so erstmals das Konzept des „Einsamen Begräbnisses“, bei dem Dichterinnen und Dichter, quasi stellvertretend für die Gesellschaft, einsam ohne Angehörige Verstorbene – etwa alte Menschen, Durchreisende, Flüchtlinge, Obdachlose, Drogenschmuggler – zu Grabe tragen und zu diesem Anlass ein Gedicht schreiben, das während der Beerdigung vom Autor gelesen wird. Dieses literarisch-soziale Projekt hat sich in den Niederlanden und Flandern sehr verbreitet, unter dem Titel „Das einsame Begräbnis“ erscheint nun eine Auswahl mit Berichten und Gedichten dieses eindrucksvollen Projekts aus Antwerpen und Amsterdam.

„Die Poesie verbindet sich mit dem Internet, den sozialen Medien und den visuellen Technologien“, diagnostizierte Geert Buelens. So werden beispielsweise Gedichte in Virtual-Reality-Umgebungen transponiert und mit einer Oculus-Rift-Brille erfahrbar gemacht. Das Virtual-Reality-Projekt „Lockruf“ des Dichters und Komponisten Micha Hamel (geb. 1970) und des Visuellen Künstlers Demian Albers (geb. 1983) wurde von Studio APVIS u.a. auf Deutsch realisiert und war z.B. auf der Leipziger Buchmesse 2016 akustisch und optisch zu erleben. Hier spürt man, dass Flandern und die Niederlande traditionell eine Hochburg der grafischen Künste sind. Dies wird auch in den Graphic Poems deutlich, in grafischen Umsetzungen von Gedichten, als Comic oder Illustration. Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ illustriert ihr Themenheft „Bojen & Leuchtfeuer. Neue Texte aus Flandern und den Niederlanden“ mit solchen Graphic Poems. Das „Buch Hauser“ der Dichterinnen und bildenden Künstlerinnen Annemarie Estor (geb. 1973) und Lies Van Gasse (geb. 1983), kombiniert kollaborative und intermediale Arbeitsweisen, das deutschsprachige E-Magazine „Caleidoscoop“ hat dem Projekt einen Themenschwerpunkt gewidmet. Auch Rozalie Hirs (geb. 1965  ist zugleich Komponistin und Dichterin. Sie beschäftigt sich u.a. mit digitaler Poesie und interaktiven Gedichten. Ein Auswahlband von ihr ist unter dem Titel „Gestammelte Werke“ angekündigt.

Fortgesetzte Gespräche
Zwei- oder mehrsprachige Übersetzungswerkstätten mit deutsch- und niederländisch-sprachigen Dichterinnen und Dichtern finden in den letzten Jahren sehr regelmäßig statt. Die Übersetzungsarbeit basiert in der Regel auf Interlinearversionen und moderierenden Über-setzungsexperten. Zuletzt erschienen die Erträge der Belgien-Übersetzungswoche von Poesie der Nachbarn (2011), von „Dichter übersetzen Dichter“ des Westfälischen Literaturmuseums Haus Nottbeck (2012), des Übersetzungsprojekts „Oder und Rhein“ (2013) und schließlich in diesem Jahr der VERSSchmuggel-Band. Und immer wieder glückt es, dass beteiligte Autorinnen und Autoren in der Folgezeit einen eigenen Gedichtband in deutscher Übersetzung publizieren, wie etwas bei Anneke Brassinga und Frans Budé:
Anneke Brassinga (geb. 1948), von der ein Auswahlband erscheint, gilt als die Sprach-zauberin der niederländischen Poesie. „Der Wortwilderer geht seine Traumschlingen ab“, so hat sie einmal den kreativen Prozess beschrieben. Insbesondere dem Zusam-menhang zwischen Übersetzen und Schreiben hat die Autorin, die selbst aus mehreren Sprachen übersetzt, wiederholt nachgespürt. Ihren Sprachreichtum kann man erahnen, wenn sie über Rembrandts Gemälde schreibt „Ich lieb das Rot des Judenbräutchens / … übers Blumengestick kriech' ich, das keusch / Errötende vergöttre ich, zaghaft umraschelt / das rote Gewand wie halbtoter Wein / ihren Leib [...]“
„Auch die Poesie selbst hat etwas Verborgenes, eine stille Welt aus Verschiebungen, aus beinahe lautlosen Bewegungen, bei denen die Sprache ihre eigene Musik erzeugt, ein transparentes Bauwerk aus Nuancen“ - so umschreibt Cees Nooteboom die Poesie des Maastrichter Dichters Frans Budé (geb. 1945), dessen große Themen Vergänglich-keit, Geschichte und Natur sind. In seinen Gedichten verbindet sich die genaue Wahr-nehmung flüchtiger Augenblicke mit dem Bewusstsein von deren Gefährdung und der eigenen Vergänglichkeit: „Und jeder unterwegs, die Post reicht Briefe weiter, /die Ge-meinde fegt die Straße. Ob dies der Friede ist, / möchte man wissen. Erstaunt rollen die Tage ab [...]“. Der Zyklus „Handgepäck“ erschien bereits vor einigen Jahren mono-graphisch. Nun liegt ein umfangreicherer Auswahlband vor.
Die niederländische Dichterin und Theaterautorin Judith Herzberg (geb. 1934) blickt auf eine mehr als dreißigjährige Publikationshistorie auf Deutsch zurück. Ihre reflektie-renden Texte sind zumeist von einer klaren, direkten Sprache geprägt und gehen häufig von Alltagserfahrungen aus. Angekündigt ist für dieses Jahr ein Band mit Kürzest-gedichten „99 Hoplas“. Von Leonard Nolens (geb. 1947), eine der bekanntesten und markantesten flämischen Stimmen, erschien zuletzt Ende der 1990er Jahre ein deutschsprachiger Band; auch von ihm ist eine neue Publikation vorangekündigt, was zweifels-ohne längst überfällig war.
„Wie die alten Dichter Recht behalten / quält, füllt den Raum“, schreibt der flämische Autor Max Temmerman (geb. 1975), einer der Beiträger der Polderpoesie-Anthologie. Das Gastland-Jahr Flanderns und der Niederlande ist auch eine hervorragende Gelegenheit, Rückschau zu halten und die großen Entwicklungslinien der niederländischsprachigen Poesie in den Blick zu nehmen. „Die hundert schönsten niederländischen Gedichte“ seit 1900 hat Christoph Buchwald in der Anthologie „Wir sind abwechselnd Sonne und Meer“ zusammengetragen. Neugierig darf man auch auf die Wiederentdeckung von Constantijn Huygens (1596-1687) sein, von dem der Band „Augentrost“ mit einem Nachwort von Ard Posthuma erscheint. Richtungsweisend für die niederländische Lyrik des 20. Jahrhunderts waren Hendrik Marsman (1899-1940) und Gerrit Achterberg (1905-1962), die in einem Doppelband gewürdigt werden.

Zum Schluss: Die Vielstimmigkeit niederländischsprachiger Lyrik
Der Dichter und Lyrikkritiker Rob Schouten spricht bezüglich der Poesie aus Flandern und den Niederlanden von einer „Einheit mit zwei Gesichtern“.
Flämische Lyrik entsteht in einem kulturell sehr spezifischen Kontext. Dieser wird durch die politisch-historische Situation in Belgien geprägt. Andererseits spielt für die Literatur aus Flandern aber auch die Frage nach der Eigenständigkeit in Hinblick auf die niederländische Literatur und die Verwurzelung in den eigenen, u.a. avantgardistischen Traditionslinien eine wichtige Rolle. Im Magazin „poet“ habe ich die These aufgestellt, dass die sprachliche und sozio-kulturelle Identität der flämischen Dichterinnen und Dichter sich vielmehr in einem feinen Sinn fürs Absurde niederschlägt.
Ob es tatsächlich zwei Gesichter sind, oder vor allem unterschiedliche Mimiken, oder doch ganz viele Gesichter – darüber kann man sich nun ein eigenes Urteil bilden. Aufschlussreich ist dabei die Fragestellung, ob die Gedichte aus Flandern nur in einer sehr spezifischen sozio-kulturellen Situation geschrieben werden oder ob sich diese Situation auch in die Texte einschreibt. Lyrik aus Flandern, Lyrik aus den Niederlanden – beide sind niederländischsprachig und trotz aller Gemeinsamkeiten wie dem skizzierten Funktionswandel der Lyrik, hin zu Öffentlichkeit und Sichtbarkeit, haben sie auch ihre spezifischen Kontexte. Aber da sind auch die anderen, nicht minder spezifischen Kontexte, die etwa der auch auf Friesisch schreibende Tsead Bruinja ein-bringt, der palästinensisch-niederländische Dichter Ramsey Nasr, der in Südafrika lebende Alfred Schaffer, der marrokanisch-niederländische Dichter Mustafa Stitou oder der aus dem Irak stammende Rodaan Al Galidi – alle Dichter, die in den angeführten Sammel- und Einzelbänden auf Deutsch in diesem Jahr und darüber hinaus zu lesen sein werden. Die niederländisch-sprachige Lyrik, die sich uns präsentiert, fasziniert durch ihre Vielstimmigkeit.

Stefan Wieczorek
ist Übersetzer, promovierter Literaturwissenschaftler, Moderator und Kulturvermittler. Er lebt in Aachen. Im Rahmen dieser Essay-Reihe hat er bereits den zweiteiligen Beitrag „Was ihr zu erzählen habt. Zur Gegenwartsliteratur aus Flandern und den Niederlanden“ verfasst. Zur Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr gibt er den niederländisch-flämischen Themenband „Bojen & Leuchtfeuer“ der Literaturzeitschrift „Die Horen“ heraus sowie gemeinsam mit Christoph Wenzel die Anthologie „Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden“.

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Der Essay schöpft aus mehreren Beiträgen des Verfassers, vorneweg aus „Öffentlichkeit! Junge Lyrik in Flandern und den Niederlanden“ (in: Stefan Wieczorek und Christoph Wenzel (Hrsg.): Polderpoesie, S. 363-371.), „Neue Poesie aus Flandern – 'rette unser land liebe Lassie'" (in: Literatur und Kritik (2014) 487/488, S. 61-68) sowie „Mit einem feinen Sinn für das Absurde - Poesie aus Flandern“ (in: poet 18 (2015), S. 140-145). Das titelgebende Zitat ist von Maud Vanhauwaert und wurde der Anthologie „Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden“ ent-nommen. Das Zitat von Geert Buelens stammt aus dem Gespräch „Dit is niet het einde van de poëzie” in De Leeswolf 5 (2013). Rob Schouten hat sein Essay „A delta of poetry, open to the world“ am 12.11.2014 im Rahmen der Poetry-Publishers-Tour in Amsterdam vorgetragen.


Anthologien und Themenhefte
Bojen & Leuchtfeuer. Neue Texte aus Flandern und den Niederlanden. Zusammengestellt von Stefan Wieczorek. Die Horen Heft 263 (2016).
Christoph Buchwald: Wir sind abwechselnd Sonne und Meer. Die hundert schönsten niederländischen Gedichte. Berlin: Aufbau 2016.
Maarten Inghels und F. Starik: Das einsame Begräbnis. Zusammengestellt und übersetzt von Stefan Wieczorek. Wien: Edition Korrespondenzen 2016.
Stefan Wieczorek und Christoph Wenzel (Hrsg.): Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden. Übersetzt von Stefan Wieczorek, Ard Posthuma, Gregor Seferens, Rosemarie Still und Waltraud Hüsmert. Aachen: [SIC]-Literaturverlag 2016.

Einzelbände
Rodaan Al Galidi: Kühlschranklicht. Übersetzt von Stefan Wieczorek. Berlin: Hans Schiler 2016.
Anneke Brassinga: Fata Morgana, dürste nach uns. Übersetzt von Ira Wilhelm. Berlin: Matthes & Seitz 2016.
Frans Budé: Gedichte. Übersetzt von Stefan Wieczorek. Berlin: Edition Rugerup 2016.
Andy Fierens: Gambaviecher in fetter Tunke. Übersetzt von Stefan Wieczorek. Heidelberg: Das Wunderhorn 2016.
Judith Herzberg: 99 Hoplas. Übersetzt von Ard Posthuma. Wien: Edition Korrespondenzen 2016.
Constantijn Huygens: Augentrost. Übersetzt von Ard Posthuma. Berlin: Reinecke & Voß 2016.
Rozalie Hirs. Gestammelte Werke. Berlin: Kookbooks 2016.
Hendrik Marsman und Gerrit Achterberg: Gedichte. Übersetzt von Alfred Schreiber. Berlin: Brueterich Press 2016.
Els Moors: Lieder vom Pferd über Bord. Übersetzt von Christian Filips. Berlin: Brueterich Press 2016.
Leonard Nolens: Bresche. Übersetzt von Ard Posthuma. Berlin: Edition Rugerup 2016.
Menno Wigman: Im Sommer stinken alle Städte. Übersetzt von Gregor Seferens. Köln: parasitenpresse 2016.

[Einzelne Titel können noch Arbeitstitel sein.]

Mittelniederländische Literatur
De borchgravinne van Vergi. Herausgegeben und übersetzt von Amand Berteloot, Geert Claassens und Jasmin Hlatky. Münster : Agenda Verlag 2015. ( = Bibliothek mittelniederländischer Literatur; Bd. 8).
Hadewijch: Lieder. Originaltext, Kommentar, Übersetzung und Melodien. Hrsg. von Veerle Fraeters, und Frank Willaert in Zusammenarb. mit Louis Peter Grijp. Übersetzt von Rita Schlusemann. Berlin: De Gruyter 2016.

Übersetzungswerkstätten
Bianca Boer, Tsead Bruinja, Els Moors und Menno Wigman: Afspraken / Verabredungen. Oelde/Dortmund: Edition Haus Nottbeck 2012.
Hans Thill (Hrsg.): Meine schlichten Reisen. Gedichte aus Belgien. Heidelberg: Wunderhorn 2011. (= Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter; Bd. 23).
Kunststiftung NRW (Hrsg.): alles ist! alles ist! alles ist nur was es ist. Lyrik an Oder und Rhein. Ein Übersetzungsprojekt. Düsseldorf: Lilienfeld 2013.
Aurélie Maurin und Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): VERSschmuggel/VERSsmokkel. Poesie aus den Niederlanden, Flandern und Deutschland. Heidelberg: Das Wunderhorn 2016.

Dossiers in Zeitschriften
Caleidoscoop. Magazin für niederländische Literatur. Heft 2 (2016). Dossier Annemarie Estor und Lies Van Gasse „Das Buch Hauser“. Übersetzt von Peter Mioch und Stefan Wieczorek. http://www.caleidoscoop.de/index.php/ausgabe-editie-02-preview.html
Poesie aus Flandern. Ein Dossier von Hans Thill und Stefan Wieczorek. [Mit Gedichten von Paul Bogaert, Tom Van de Voorde, Els Moors und Marc Kregting]. Übersetzt von Stefan Wieczorek. In: poet 18 (2015), S. 68-145.
Gegenwartslyrik aus den Niederlanden. Zusammengestellt und übersetzt von Gregor Seferens. [Mit Gedichten von Vrouwkje Tuinman, Victor Schiferli, Tsead Bruinja, Ramsey Nasr und K. Michel].  In: Park. Zeitschrift für neue Literatur 68 (2015), S. 50-99.
Willkommen zurück. Zusammengestellt und übersetzt von Stefan Wieczorek. [Mit Gedichten von Ruth Lasters, Ester Naomi Perquin, Alfred Schaffer und Peter Verhelst]. In: Ostragehege 79 (2016), 31-51.
Jeroen Mettes: Mond. Sushi. Volvo: Übersetzt von Ira Wilhelm. In: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 84 (2015), S. 137-162.

Themenschwerpunkt Flandern. In: kalmenzone Heft 9 (2016). http://www.kalmenzone.de/
wordpress/wp-content/uploads/downloads/2016/05/kalmenzone_Heft9.pdf

Virtual-Reality
Micha Hamel und Demian Albers: Lockruf. Übersetzt von Stefan Wieczorek. VR-Projekt. http://frankfurt2016.com/de/veranstaltungen/virtual-reality-aus-flandern-und-den-niederlanden-demian-albers-micha-hamel-2016-03-19-120000-2016-03-19-123000